Die spirituellen Dimensionen der Pilgerfahrt
Abul Ala Maududi

 

Das Wesen der Pilgerfahrt



Die Menschheit kennt gewöhnlich zwei Arten von Reisen.
Eine Reise wird unternommen, um den Lebensunterhalt zu verdienen. Die andere wird angetreten, um Sehenswürdigkeiten zu bewundern oder aus bloßer Freude.

 

Für beide Arten ist der Mensch wegen seiner Bedürfnisse und seiner Wünsche gezwungen das Land zu verlassen.
Die Pilgerfahrt jedoch, die Hadsch genannt wird, unterscheidet sich stark von anderen Reisen.

 

Diese Reise wird nicht angetreten, um persönliche Interessen zu vertreten oder um dem Ego zu frönen.

 

Niemand kann sich auf die Pilgerfahrt vorbereiten oder sie gar antreten, ohne die Liebe zu Allah im Herzen und Gottesfurcht zu haben. Er muss innig fühlen, dass ihm diese Pflicht von Allah auferlegt wurde.

 

Derjenige, der beabsichtigt, diese Pilgerfahrt anzutreten wird für längere Zeit von seiner Familie und seinen Verwandten getrennt sein und finanzielle Einbußen haben. Indem jemand den finanziellen Aufwand betreibt und die Reisestrapazen auf sich nimmt, beweist er mit dieser Hingabe, dass sein Herz von der Liebe zu Allah erfüllt ist und dass er gottesfürchtig ist.

 

Ebenso demonstriert er hiermit, dass er die erforderliche Stärke besitzt, sein Zuhause hinter sich zu lassen, wenn es von ihm erwartet wird, um Allahs willen, und dass er harte Prüfungen bestehen und willentlich seinen Besitz und seine Bequemlichkeit opfert, um Allahs Wohlgefallen zu gewinnen.

 

Neigung zu Tugendhaftigkeit und Frömmigkeit

 

Sobald der Pilgerfahrer mit seiner heiligen Absicht bereit ist für die Reise, nimmt seine Neigung andere Dimensionen an.

 

Sein Herz, das übersprudelt von der Liebe zu Allah und das pocht vor Sehnsucht nach Seinem Haus, beginnt tugendhaften Gedanken Einlass zu gewähren.



Er bereut seine vergangenen Sünden, bittet bei den Menschen, denen er Unrecht tat, um Vergebung, versucht seine Schulden zu begleichen, damit er nicht vor Allahs Gericht steht in dem Zustand, Mitmenschen ihrer Rechte beraubt zu haben. Er meidet Schlechtes und entwickelt Freude an Tugendhaftigkeit.

 

Dann, wenn er die ersten Schritte der Reise macht neigt er, je mehr er sich dem Haus Allahs nähert, desto mehr dazu, gute Taten zu verrichten. Er achtet darauf, dass er niemandem schadet und versucht jedem Menschen Hilfestellung zu leisten, der ihrer bedarf.

 

Seine Natur widersteht der Nutznießerei, der Taktlosigkeit, der Unehrlichkeit, er hält sich fern von Streit und Boshaftigkeit, weil er auf dem Pfade Allahs schreitet.

 

Ein Mensch mag solch eine heilige Reise machen und trotzdem weiterhin schlechten Angewohnheiten frönen? Wie ist so eine Schamlosigkeit für jemanden möglich?

 

Die gesamte Reise stellt einen vollständigen Gottesdienst dar.

 

Unterdrückung und Bosheit finden keinen Platz im Gegensatz zur Unternehmung anderer Reisen. Diese Reise ist jene, die fortwährend das Ego reinigt. Es ist ein Reinigungsprozess, durch den jeder Muslim gehen muss, der die Pilgerfahrt antreten will.

 

Segnungen und die Wirkung der Pilgerfahrt



Aus den Einzelheiten, die vorgestellt wurden, ist ersichtlich, welch großartige Wirkung im Herzen und im Verstand erzielt, wurde von der Entscheidung zur Reise an über die Vorbereitung der Reise bis hin zur Heimkehr.

 

Der Prozess erfordert das Opfern von Zeit, Geld, Bequemlichkeit und den Verzicht auf weltliche Güter und körperliche Freuden und Sehnsüchte.
All dies wird nur um Allahs Willen getan, ganz uneigennützig.



Die Frömmigkeit und Tugendhaftigkeit, das ständige Gedenken Allahs und die Sehnsucht und die Liebe zu Ihm, die den Pilger durchströmen, hinterlassen Eindrücke, die jahrelang im Gedächtnis verbleiben.



Wenn er dieses heilige Land erreicht, wird er mit jedem Schritt Zeuge der Überbleibsel jener, die ihr Hab und Gut geopfert haben, um Allah zu dienen und Ihm zu gehorchen.

 

Sie kämpften gegen die heidnischen Araber, haben alles andere zerschlagen das neben Allah angebetet wurde, wurden gefoltert, mussten auswandern, erduldeten unglaubliche Prüfungen, jedoch erhoben und verbreiteten sie das Wort Allahs und waren erst zufrieden, als nur dem einzigen Gott gedient wurde.

 

Aus kaum einer anderen Quelle kann ein Gottergebener solche Lehren ziehen und etwas über Mut und Entschlossenheit lernen.

 

Wenn dann das Zentrum der Religion (mit der Umkreisung der Kaaba Kämpfer auf Probe zu sein durch die Bestandteile der Pilgerfahrt, wie umherlaufen, innehalten und erneut aufbrechen) mit dem Gebet, dem Fasten und der Armensteuer kombiniert wird (alles bildet eine Einheit), wird man erkennen, dass diese Vorgänge eine Übung, eine große zu bewältigende Aufgabe darstellen, um deren Lösung sich Muslime bemühen sollen.



Aus diesen Gründen wurde die Pilgerfahrt zur Pflicht erklärt für jene, die finanziell in der Lage sind und fähig sind diese Reise zur Kaaba und zurückzumachen, sodass so viele Muslime wie möglich gerüstet sind in jedem Zeitabschnitt, nachdem sie vollständig diese Aufgabe bewältigt haben.

 

Die Pilgerfahrt: Ein vollständiger Dienst an Allah

Man wird nicht in der Lage sein, den Nutzen der Pilgerfahrt zu erkennen, wenn man sich nicht vor Augen führt, dass kein Muslim die Reise allein macht, sondern dass eine einzige Periode für die Pilgerfahrt für die Muslime der ganzen Welt festgelegt ist. Deshalb treten Millionen diese Reise gleichzeitig an.

 

Was ich zuvor gesagt habe, hat nur die Wirkung dieses Gottesdienstes auf einen individuellen Pilger festgehalten.
Nun werde ich erklären, wie dieser Nutzen millionenfach erhöht wird, indem man eine einzige Periode für die Pilgerfahrt festsetzt.

 

Das Hervorragende am Islam ist die Tatsache, dass mit einem Schlag 1000 Ziele erreicht werden.

 

Wenn der Gläubige alleine betet, bekommt er nicht so viele gute Taten verzeichnet, als wenn er ein Gemeinschaftsgebet verrichtet. Dabei wird das System des Imitat (Vorbetersystem) beim Gebet durch das Zusammenkommen beim Freitagsgebet und bei den Festtagsgebeten erheblich vergrößert, sodass die Belohnung unermessliche Dimensionen annimmt.

 

Außerhalb des Fastenmonats Ramadan zu fasten ist ebenso eine gute Möglichkeit das Fasten zu trainieren. Indem man den Monat Ramadan als Fastenmonat für alle Muslime festsetzt, wächst die Belohnung ins Unermessliche.

 

Die Armensteuer weist ebenso viele Vorteile auf, auch wenn sie allein abgegeben wird. Mit der Gründung des Bait-ul-mal (öffentliche Staatskasse des islamischen Staates) wurde die Nützlichkeit derart erhöht, dass man es sich kaum noch vorstellen, kann, bis man mit eigenen Augen sieht, wie viel Gutes sich daraus ergeben kann, wenn man die Armensteuer an einem Ort einsammelt und sie systematisch an Bedürftige weitergibt.

 

Ähnlich ist es bei der Pilgerfahrt. Selbst wenn der Gläubige sie alleine vollziehen würde, stellte dies eine gewaltige Revolution in seinem Leben dar, jedoch wird ihr Nutzen grenzenlos, wenn man die Pilgerfahrt für alle Muslime auf einen Zeitraum festsetzt.

 

Wachsende Frömmigkeit und Tugendhaftigkeit

Sobald ein Gläubiger die Entscheidung fällt, die Pilgerfahrt zu unternehmen, beeinflussen ihn Tugenden wie Gottesfurcht, Frömmigkeit, Reue und er bittet um Vergebung. Wenn er sich von Freunden und Kollegen verabschiedet, wenn er alles so organisiert, als wäre er nicht mehr derselbe Mensch wie zuvor (sein Kopf ist nun klar und rein wegen der neuen Quelle der Liebe zu Allah), kann man sich ausmalen, welche Eindrücke die Pilgerfahrt bei ihm hinterlässt. Auch die Menschen seiner unmittelbaren Umgebung bemerken dies.

 

Wenn in jedem Jahr durchschnittlich 3 000 000 Pilger aus aller Welt sich derart auf die Pilgerreise vorbereiten, wird sich der Einfluss positiv auf die moralische Verfassung einer Vielzahl von Menschen auswirken. Die Herzen vieler Menschen werden an Orten erwärmt, an denen die Pilgerkarawanen vorbeiziehen. Indem sie sie sehen, sie treffen und das Labbayk aus ihren Mündern hören, wird ihnen warm ums Herz. Die Aufmerksamkeit vieler Menschen wird zu Allah und Allahs Haus hingelenkt. Der Eifer, die Pilgerreise zu machen, wird ihre schläfrigen Seelen beflügeln.

 

Wenn diese Menschen nach dem Vollzug der Pilgerreise vom Zentrum ihrer Religion zu ihren Städten und Dörfern in aller Welt zurückkehren und von ihren Erfahrungen berichten, beleben sie religiöse Empfindungen.